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Ein Gott, der keiner war: Der starke und steuernde Staat hat abgedankt – Vorabmeldung des Wirtschaftsmagazins NeueNachricht
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Newsgroup: cl.politik.allgemein
Posted by: NeueNachricht
2006-09-28 08:41:42

Bonn, www.ne-na.de - „Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit“.
Dieser Satz stammt von Kurt Tucholsky. Vielleicht ist es so, dass die
Deutschen zu sehr auf die Politik und auf den Staat fixiert sind. „Dass
wir seit einigen Jahren schon Zeugen eines massiven staatlichen Versagens
sind, ist evident. Der Staat zeigt sich immer nur dann angriffslustig und
mächtig, wenn es um seine eigenen Pfründe geht“, schreibt Chefredakteur
Ansgar Lange in der Herbstausgabe des Wirtschaftsmagazins NeueNachricht
http://www.neue-nachricht.de .

„Der westliche Industriekapitalismus und die scheinbar so gegensätzliche
sowjetische Planwirtschaft hatten vieles gemeinsam. In erster Linie dies,
dass es beiden Systemen nicht gelang, eine stabilisierende Vielfalt zu
errichten. Die immanente Unfähigkeit, Neues zu erkennen und zu befördern,
finden wir in beiden Systemen gleichermaßen“, behauptet der
Brandeins-Autor Wolf Lotter in seinem neuen Buch „Verschwendung“, mit dem
sich NeueNachricht kritisch auseinandersetzt.

Lotter weise nach, dass seit den siebziger Jahren in den meisten Staaten
der OECD die Industrie nicht mehr der bedeutendste volkswirtschaftliche
Faktor ist. Dienstleistungen hätten sie überrundet. Seit Jahrzehnten
verliere die Industrie Millionen von Jobs, doch keinen störe es. Die
aufstrebenden Emerging Markets begründen ebenfalls keine „vollständige
Renaissance der alten industriekapitalistischen Verhältnisse, nach denen
sich die meisten Machthaber der Ersten Welt noch heute zurücksehnen“. „Es
zeigt sich, dass die neuen kapitalistischen Großmächte nicht den Fehler
der Monokultur begehen, der die europäische Wirtschaft so angreifbar
macht“, so Lotter.

Der Spiegel-Autor Gabor Steingart malt schon einen „Weltkrieg um
Wohlstand“ an die Wand. Und in der Tat: Die Asiaten greifen an. Den
Aufstieg Indiens verbinde man insbesondere mit dem Siegeszug der dortigen
IT-Branche, so Lange. Mehr als andere Länder habe Indien von der
Verlagerung anspruchsvoller Dienstleistungen in Niedriglohnländer
profitiert. Ein indischer Ingenieur verdient ein Viertel eines deutschen,
und er spricht Englisch. Neben der Klasse bietet Indien auch die Masse.
Jährlich bringen Indiens Universitäten 250.000 neue Ingenieure hervor –
mehr als die USA. Nach Ansicht von Arvind Virmani, einem der
renommiertesten Volkswirte Indiens, wird das Land in den nächsten 15
Jahren den Welthandel mit Dienstleistungen genauso revolutionieren, wie es
China in den vergangenen 15 Jahren beim Welthandel mit Gütern gelungen
sei.

Der Westen hat den Aufstieg Indiens und anderer Schwellenländer weder
richtig registriert noch verkraftet. Die neue Unübersichtlichkeit
verunsichert. Kein Wunder, dass manche mit nostalgischen Gefühlen an die
übersichtliche Welt der Industriegesellschaft zurückdenken.

Die Fixierung auf den Industriekapitalismus ist ein Produkt der deutschen
Geschichte. Denn einst ist das Deutsche Reiche damit groß geworden. „Made
in Germany“ sollte – so die Intention der Briten – deutsche Produkte als
minderwertig diskreditieren. In Wahrheit entpuppte sich das ganze als
Drei-Worte-Hymnus auf deutsche Ingenieurskunst, die weltweit ihresgleichen
suchte und nicht fand. Mit fatalen Folgen: „Dieser alte Erfolg steckt uns
in den Knochen – denn, wie gesagt: Nichts ist schlimmer, nichts macht
müder als der Erfolg der vergangenen Tage.“

Dieser Siegeszug hatte noch andere Schattenseiten, denn die
Industriegesellschaft führte zum Zentralismus, zur Norm und zum Standard.
Mit diesen Waffen konnte das Deutsche Reich nach Ansicht Lotters den
englischen Konkurrenten ausstechen: „Und so wurde Deutschland zur größten
Industrienation Europas, seine Ingenieure zum Synonym für die
Berechenbarkeit der Welt und, was noch viel wichtiger ist, für Sicherheit.
Denn Normen und Standards liefern brauchbare Hinweise auf Qualität, auf
Zuverlässigkeit und Dauer der Nutzbarkeit von Produkten. Sie schaffen
Vertrauen.“

Doch der Industrialismus sei kein Naturgesetz, sondern bloß ein
„historischer Treppenwitz“, wenngleich mit hoher Wirkung auf unser
Bewusstsein. Seit Mitte der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts verliert
die Bundesrepublik jährlich fünf Prozent ihrer Industriearbeitsplätze. Das
macht täglich mehr als neunhundert Jobs. Laut Lotter gibt es kein
Entrinnen: Die Industrie – wie wir sie kennen – sei tot. Stark sei nur ihr
Echo. Industriearbeitsplätze werden voraussichtlich nie wieder die Basis
für einen starken Staat bilden.

Folgt man der Argumentation des Brandeins-Redakteurs, dann führt das
starre Festhalten an alten Strukturen, die aber keinen Erfolg mehr
verheißen, zu einem lähmenden Zukunftspessimismus. Die europäischen Eliten
haben die Gesetze der „Economy of Speed“ bis heute nicht akzeptiert, im
Gegensatz zu zahlreichen Intellektuellen aus den USA, Asien und Afrika.
Ultrarechte und Globalisierungsgegner sitzen in den Schützengräben und
wollen den Lauf der Dinge aufhalten. Alexander Gauland, namhafter
konservativer Publizist und Buchautor, meldet sich in regelmäßigen
Abständen zu Wort und mahnt die Konservativen, sie mögen dem Rad der
Geschichte in die Speichen greifen und es anhalten. Gauland spricht sich
dezidiert für eine „Entschleunigung“ aus und meint allen Ernstes, der
Sozialstaat dürfe keinen ökonomischen Zwängen unterworfen werden. Wäre
Deutschland eine Insel und autark, könnte man diesen Gedankengängen
einiges abgewinnen.
„In Deutschland setzt man immer gern auf ‚Vater Staat’, auch wenn dieser
längst mit leeren Händen dasteht. Jedes Jahr werden rund 100 Milliarden
Euro für die so genannte Familienpolitik ausgegeben. Und selbst
konservative Journalisten und Experten rufen nach immer mehr Geld. Dabei
hat der ganze Geldsegen die Zeugungsbereitschaft der Deutschen nicht
unbedingt befördert. Ähnlich verhält es sich bei der Subventionierung des
Arbeitsmarktes: Über 150 Milliarden Euro sind seit 1990 in den Erhalt von
Arbeitsplätzen in Ostdeutschland geflossen. Geldausgeben bringt eben nicht
immer Segen, wie man an folgenden Zahlen sehen kann: 1962 wurde die
Sozialhilfe eingeführt als Überbrückungshilfe für Notfälle. 1963 zahlten
die deutschen Städte und Gemeinden 600 Millionen DM, ihre Investitionen
lagen im gleichen Jahr bei 60 Milliarden: ein Verhältnis von 10:1 zu
Gunsten der Investitionen. 40 Jahre später fließen 30 Milliarden Euro in
die Sozialhilfe und 24 Milliarden in Investitionen: ein Verhältnis von
0,8:1 gegen Investitionen – wir zahlen mehr für den Reparaturbetrieb als
für die Zukunft“, listet Lange auf.
Für Sicherheit und Stabilität müsse jeder selbst sorgen. Der eine werde
sie in seiner Familie finden, der andere in seinem religiösen Bekenntnis,
der dritte vielleicht bei Freunden und im Verein. Der Staat habe schon
genug damit zu tun, dass er seine Bürger vor Kriminalität, Terrorismus und
Kriegen beschützt. „Ansonsten ist der Staat kein Gott und war auch nie
einer. Daher muss das Resümee der hier angestellten Überlegungen auch ein
wenig schwammig und unbefriedigend ausfallen. Wenn es um die eigene
Altersversorgung geht, weiß mittlerweile jeder, der die Realität zur
Kenntnis nimmt, dass ihn der Staat über Jahre wider besseres Wissen
belogen hat. Wer sich auf seine staatliche Rente verlässt, der ist im
Alter verlassen. Daher sorgen diejenigen, die auch mit über 60 noch
angemessen leben und der Gemeinschaft dann nicht auf der Tasche liegen
wollen, selber vor“, schreibt der NeueNachricht-Chefredakteur.
In der Tat: Die Arbeitswelt wird sich wandeln, weil sie sich immer
gewandelt hat. Nach Prognosen werden demnächst vier Fünftel aller
menschlichen Tätigkeiten aus Beraten, Forschen, Entwickeln, Organisieren,
Vernetzen, Managen, Recherchieren und Gestalten bestehen. Netzwerken werde
ganz groß geschrieben. Felixbergers Gedanken lassen sich so zusammenfassen:
In Zukunft wird es mehr Selbstunternehmer geben, ein Recht auf persönliche
Freiheit, digitale Netzwerke und virtuelle Communitys, flachere
Hierarchien und Networking.
„Die früheren Zeiten sind vorbei. Heute fängt kein 17-jähriger mehr in
einem Betrieb als Lehrling an, um dann mit 65 das Werkstor zum letzten Mal
zu passieren und in Rente zu gehen. Was wird die Zukunft bringen? Keiner
weiß die Antwort. Positiv gewendet: Es bleibt spannend. Die Geschichte ist
noch nicht an ihr Ende gekommen“, schließt Lange seinen Beitrag.

Das Magazin NeueNachricht erscheint vierteljährlich. Das Einzelheft kostet
8,20 Euro. Bestellungen per Fax unter: 0228 – 620 44 75 oder E-Mail:
baerbel.goddon@sohn.de . Redaktionen erhalten Besprechungsexemplare
kostenlos.


Redaktion
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D – 53123 Bonn
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